Sommerkurse für die digitalen Profis von morgen
Wenn der Großteil der 10- bis 15-Jährigen die Schulsachen beiseitelegt, taucht eine Gruppe ambitionierter junger Menschen spielerisch in die digitale Welt ein. Alljährlich in den Sommerferien kommen etwa 450 Schüler:innen in den Genuss eines Programmierkurses bei Coding4Kids. Die jeweils einwöchigen Workshops erfreuen sich stetig steigender Beliebtheit und eröffnen eine Win-win-Situation für alle Beteiligten.
Die gemeinnützige Bildungsinitiative mit Sitz in Innsbruck initiiert für Kinder und Jugendliche den Einstieg in den digitalen Raum über kostenlose Kurse zu den Themen Programmierung, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. Die Veranstaltungsreihe findet ausschließlich in den Ferienmonaten statt. Ins Leben gerufen wurde Coding4Kids vor zehn Jahren vom Tiroler Unternehmer Mario Eckmaier, Inhaber einer Marketing- und Digitalagentur. Zu den ersten Supportern gehörte die Sparte „Information und Consulting“ der Tiroler Wirtschaftskammer. Das Projekt avancierte in kurzer Zeit zum regelrechten Publikumsrenner. „Der Kampf um die hellsten Köpfe in den Unternehmen beginnt nicht erst mit der Personalsuche. Smarte Betriebe setzen bei der Förderung digitaler Skills bereits bei den Kleinen an“, erklärt die Vereinsvorsitzende Ing.in Claudia Brandl, MSc BSc. Als CEO der CBRA Digital GmbH mit Niederlassungen in Wien und Innsbruck kennt sie nur zu gut das ständig wechselnde Anforderungsprofil für den Start in das zeitgemäße Business.
Nachwuchs wird digital fit gemacht
Die Botschaft lautet, Kinder nicht ausschließlich als Anwender:innen und Konsument:innen fortschreitender Technologien zu betrachten. Vielmehr soll schon früh das Basisverständnis für Software, Hardware, Algorithmen und digitale Systeme trainiert und angewendet werden. Das Motto heißt: Nicht nur verwenden, sondern verstehen und kreativ nutzen. Da sich immer mehr Lebensbereiche und Berufsbilder auf elektronische Unterstützung und Problemlösung fokussieren, muss nach den Vorstellungen der Betreiber:innen von Coding4Kids möglichst früh mit „digitaler Aufklärung“ in einem spielerischen Umfeld begonnen werden. Das wird im Besonderen auch von den Neurowissenschaften bestätigt. Der Konsens in der Forschung bezieht sich nicht allein auf ein „je mehr Technik, desto besser“, sondern auf die Qualität der Inhalte, auf die Begleitung durch Coaches und den angebotenen Spielraum zwischen Teamleistung und Einzelkämpfertum. Didaktisch wertvoll gestaltete Lern- und Praxiseinheiten fördern zudem frühe Literacy- und Mathematikfähigkeiten. Altersadäquate und gemeinsam mit Erwachsenen genutzte Zeit zeigt deutlich positivere Wirkung als inaktiver Medienkonsum. „Coding4Kids wird diesen Anforderungen gerecht, indem kompetente Trainer:innen und Co-Trainer:innen das kreative Potenzial der Kinder und Jugendlichen wecken“, beschreibt Ing.in Claudia Brandl den lerntheoretischen Zugang. Im Kern kombiniert der typische, einwöchige Kurs spielerisches Lernen, praktische Projektarbeit, digitale Grundbildung, kreative Umsetzung, Betreuung durch Fachpersonal, Team-Spirit und Problemlösekompetenz.
Schule ohne fixen Lehrplan
Bei den Einstiegskursen steht meist Scratch im Vordergrund, eine visuelle und bildungsorientierte Programmiersprache. Mit ihr lassen sich Spiele, Animationen und interaktive Anwendungen erschaffen. Es muss allerdings kein komplizierter Textcode verfasst werden, stattdessen werden bunte Programmierblöcke per Drag-and-drop wie Puzzleteile zusammengesteckt. Scratch wird im Browser oder als App angewendet, zum Einsatz kommen „Blöcke“ (definieren Aussehen, Klang, Logik), „Figuren“ (Objekte, Charaktere) und die „Bühne“ (visueller Ablauf des fertiggestellten Programms). Fortgeschrittene bauen auf diesen ersten Erfahrungen auf und entdecken beispielsweise Godot (ähnlich Python) oder die Blockchain, eine dezentrale Datenbank, die Daten in chronologischen Blöcken speichert und diese über ein Netzwerk aus vielen gleichberechtigten Computern teilt. Web-Programmierung und KI runden das Portfolio sinnvoll ab. Einsteiger-Angebote werden für die Altersstufe von 10 bis 14 Jahren empfohlen, Workshops für Fortgeschrittene sind für die 11- bis 15-Jährigen gedacht.
Besonderheit am Rande: Trainer:innen sind nicht wie an Schulen sonst üblich an einen vorgegebenen Lehrplan gebunden. Vielmehr geht es um Themenvielfalt, das kreative Heranführen an digitale Techniken, das Erkennen von Vorteilen und die kritische Auseinandersetzung mit den Ergebnissen. Neu im Programm findet sich die Abteilung „Künstliche Intelligenz“, die jeweils mittwochs ganz oben auf der Agenda steht. Expert:innen aus dem Datenschutz vermitteln das entsprechende Know-how. „Wir können bei Coding4Kids ohne Übertreibung von einer Win-Win-Win-Situation sprechen. Die Kinder berufstätiger Eltern werden optimal betreut, die Wirtschaft erhält fachlich versiertes Personal, und die jungen Leute haben einfach Spaß am Werken in der Freizeit“, freut sich Vereinsvorsitzende Claudia Brandl über das bisher Erreichte.
Die Zahlen für 2026 können sich sehen lassen. Erfasst werden 27 Programmierkurse in allen Tiroler Bezirken, unterstützt durch die Wirtschaftskammer Tirol und weitere Unternehmen. Die offizielle Kursübersicht zeigt eine breite regionale Streuung und listet Standorte in den Bezirken Imst, Innsbruck-Land, Innsbruck-Stadt, Kitzbühel, Kufstein, Landeck, Lienz, Reutte und Schwaz auf sowie zusätzlich Angebote in Salzburg und Moosbrunn (NÖ). Die Aktivitäten in zwei weiteren Bundesländern stehen im Zusammenhang mit der Expansion des Coding4Kids-Gedankens.
Stressfreier Einstieg
Zu Beginn geht es für die jungen Leute zunächst um Grundfragen: Was ist Programmieren? Was kann Software? Wie „denkt“ ein Computer? Wie wird aus einer Idee ein Ablauf oder ein Programm mit überschaubarer Größe? Gelernt wird nicht anhand trocken-abstrakter Code-Generierung, sondern es werden Ideen umgesetzt, die in kleinen Spielen, interaktiven Anwendungen und multimedialen Projekten ihren Ausdruck finden. Alle Workshops sind dezidiert auf Praxis getrimmt und verzichten auf Frontalunterricht. Die Kinder und Jugendlichen entwickeln eigene Lösungsansätze, testen und adaptieren sie bzw. teilen die Ergebnisse in ihrer Community. Bei den Lerneinheiten für die Fortgeschrittenen geht es deutlich tiefer. Beispiele aus dem aktuellen Angebot sind: Docker und Kubernetes in Kufstein: Die Jugendlichen erfahren, wie Software und Server im Internet funktionieren, und können zum Abschluss einen Kubernetes-Cluster bzw. Server (zum Beispiel für „Minecraft“) aufsetzen.
Godot-Spieleentwicklung in Innsbruck: Hier geht es um eine freie Game Engine und erste Schritte mit GDScript zur Entwicklung eines 2D-Spiels.
KI-Schwerpunkt bei World Direct in Sistrans oder im Smart-City-Lab der IKB: Dort lernen Jugendliche, wie moderne KI-Systeme funktionieren, wo ihre Grenzen liegen und wie man KI-Werkzeuge sinnvoll und kritisch für individuelle Aufgaben nutzt.
„4Girls“ und MINT
Einen erkennbaren Schwerpunkt bildet die nachhaltige Beteiligung von Mädchen an Informatik- und MINT-Themen (MINT= Abkürzung aus dem Bildungsbereich für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik). So ist der Mädchenanteil in den Kursen auf rund 32 Prozent gestiegen. Zudem ist in diesem wieder ein eigener „Coding4Girls-Kurs“ eingerichtet worden. Er wird ebenfalls von einer Trainerin betreut und positioniert sich als exklusives Angebot für die IT-affinen Damen. Dahinter steckt vor allem die Absicht, Hemmschwellen abzubauen, einen geschützten Raum zum Ausprobieren zur Verfügung zu stellen sowie früh die Begeisterung für technische Berufe zu wecken. Die MINT-Tirol-Plattform präsentiert Coding4Kids als Service bei Informatik, Technik und Handwerk. Als Zielgruppen werden dabei Schüler:innen der Volksschulen, Mittelschulen und AHS-Unterstufe anvisiert. Mit dieser breiten Implementierung ist Coding4Kids nicht nur ein Ferienprogramm, sondern wird in der regionalen MINT-Offensive als niederschwelliges Bildungsangebot wahrgenommen und stark frequentiert.
Langfristige Partnerschaften
Das Engagement der Partner von Coding4Kids gründet auf dem Bedarf an digitaler Bildung, erweiterten Karrierechancen und der Bereitstellung künftiger IT-Fachkräfte. Neben der Wirtschaftskammer Tirol, dem WIFI und der HAK Imst bieten Unternehmen und Institutionen die entsprechenden Patenschaften, Kursorte, Coaches und Infrastruktur an. Für die Sommerferien 2026 können damit rund 1.000 kostenlose Unterrichtsstunden realisiert werden. Zu den wichtigsten Träger- und Förderpartnern neu hinzugekommen ist die Initiative digital.tirol (koordiniert von der Standortagentur Tirol).
Pädagogischer und gesellschaftlicher Nutzen
Mit Coding4Kids werden mehrere Ziele verbunden, nämlich digitale Grundbildung, sinnvolle Ferienbetreuung und Talentförderung als Beitrag zum langfristigen Fachkräftenachwuchs. Gelernt und angewendet werden die oft zitierten „Soft Skills“, die im Schul- und Berufsleben einen hohen Stellenwert genießen: logisches Denken, Projektmanagement (von der Planung bis zur Lösung), Teamgeist und Selbstvertrauen im Umgang mit den digitalen Tools. Das kommt auch bei den Adressaten an, denn viele Kurse für den Sommer 2026 waren innerhalb weniger Tage ausgebucht.
So sieht ein Tag bei Coding4Kids in etwa aus
1. Ankommen und Tagesstart
Die Teilnehmer:innen treffen am Standort ein, etwa in einer Wirtschaftskammer-Bezirksstelle, im WIFI, bei einem Unternehmen oder einer Schule. Die Kurse starten immer um 09:00 Uhr.
2. Einführung, Wiederholung
Zu Beginn des Tages werden Grundlagen erklärt oder der Stand vom Vortag aufgegriffen. Anfänger:innen beschäftigen sich mit Scratch, Programmierbausteinen, Figuren, Ereignissen, Schleifen oder einfacher Spiellogik.
3. Praxis
Die Kinder lösen konkrete Aufgabenstellungen und sind Teil von kleineren Projekten. Ziel ist nicht das bloße Nachbauen, sondern das kreative Anwenden anhand eigener Ideen, selbst geschaffener Spielfiguren und spannender Abläufe.
4. Mittagspause
Für das Mittagessen wird vor Ort oder in einem Restaurant bzw. Catering gesorgt. An manchen Standorten fällt ein Essensbeitrag an, etwa 75 Euro pro Woche. Fallweise gibt es ein kostenloses Mittagessen (kann von Partnerunternehmen zusätzlich gesponsert werden).
5. Projektphase
Am Nachmittag wird weiter am eigenen Vorhaben gearbeitet. Auf dem Programm stehen Testen, Verbesserung und Erweiterung. Es ist genügend Zeit vorgesehen, die Zwischenergebnisse zu teilen und mit den anderen zu diskutieren.
6. Tagesabschluss
Um 16:00 Uhr endet der Kurstag.
Speziell ist hier der Freitag, denn um 14 Uhr finden die aufregenden Abschlusspräsentationen statt – ähnlich wie bei Skirennen. Geladen sind Geschwister, Eltern, Großeltern, Presse und Paten. Vorgestellt werden bei diesem Kurs-Highlight die Projekte und Ergebnisse.
digital.tirol und Coding4Kids
Coding4Kids wird von digital.tirol begleitet und partnerschaftlich unterstützt. Die Kooperation konzentriert sich auf den Erwerb digitaler Kompetenzen und die Nachwuchsförderung. Digital.tirol versteht sich als ein umfassendes Expert:innen-Netzwerk, bestehend aus der Standortagentur Tirol, der Industriellenvereinigung Tirol, der Lebensraum Tirol Holding, der Wirtschaftskammer Tirol sowie dem Fachgruppe Unternehmensberatung, Buchhaltung und IT (UBIT). Gemeinsame Projekte unter der Federführung von digital.tirol treiben die digitale Entwicklung in unserem Bundesland voran. Das gemeinsame Ziel: Chancen der Digitalisierung in allen Lebensbereichen nutzbar machen. Angesprochen werden Jugendliche, Erwachsene, Arbeitnehmer:nnen, Unternehmen sowie Forschungs- und Bildungseinrichtungen.